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Wissen mag endlich sein - die Neugierde ist es nicht

Seit 2008 gibt es an der Universität zu Köln die philosophische Forschungsschule A.R.T.E.S. Selbsterklärte Aufgabe des Projektes, in dessen Rahmen in den nächsten fünf Jahren 60 Stipendiatinnen und Stipendiaten gefördert werden sollen, ist es, am Verständnis der Wissensprozesse in ihrem ganzen Umfang mitzuwirken und Alternativen zu althergebrachten Erklärungen zu bieten. Sprecher der Forschungsschule A.R.T.E.S. ist Professor Andreas Speer, Direktor des Thomas-Instituts.


Herr Professor Speer, wer sich mit Wissen beschäftigt, hat es in unserer Kultur erst einmal mit zwei großen Blöcken zu tun, den Geisteswissenschaften und den Naturwissenschaften. Die meisten Menschen verbinden Wissen und Wissenschaft mit der Lösung von konkreten Problemen und da bleiben die Geisteswissenschaften außen vor.


/  Diesen Dualismus finde ich ganz unglücklich. Das liegt natürlich auch daran, dass ich mich mit meinen Forschungsschwerpunkten deutlich vor dieser Teilung befinde. Das Thomas-Institut ist ein Institut, das sich mit der mittelalterlichen Philosophie beschäftigt. Das ist die Philosophie, wie sie gelehrt wurde, als die Universitäten gegründet wurden, eine Philosophie, die in der Tradition der Antike und der Spätantike steht. Da gab es diese Spaltung nicht.
Dieses Konzept von Philosophie, das im Grunde gleichzusetzen ist mit Wissenschaft, kannte wohl die Unterteilung in das Trivium und das Quadrivium: d.h. in die Wissenschaften, die eher mit Grammatik, Literatur und Dialektik zu tun haben, und in die Wissenschaften, die sich auf die reale Wirklichkeit und auf den Kosmos beziehen. Aber das sind zwei Paneele eines Diptychons, die nicht in der Weise auseinandergerissen werden dürfen, wie dies heute mit den Begriffen der Natur- und Geisteswissenschaften geschieht. Noch schlimmer ist es im Englischen, wo die Geisteswissenschaften nicht einmal mehr als ?sciences? bezeichnet werden; sie firmieren dort unter ?arts and letters? oder ?humanities?. Wissenschaften sind demnach nur die empirischen Wissenschaften, die sogenannten strengen Wissenschaften. Diese Unterscheidung hat historische Ursprünge. Sie ist aber nicht ursprünglich, und ich halte sie deswegen, vor allem aber aus sachlichen Gründen für problematisch.

Warum ist diese Unterscheidung problematisch?

/  Weil auf diese Weise in Vergessenheit gerät, dass es die Menschen
sind, die unter bestimmten Bedinungen, in bestimmten Situationen und Kontexten Wissen erzeugen. Wissen ist also nicht etwas, das wir in der Wirklichkeit auffinden, sondern ist das Ergebnis eines oftmals langen Prozesses einer Wissensgenese. Dieser Prozess beginnt mit jenen Daten, die uns die Anschauung liefert, und mit darauf basierenden Erfahrungen. Erfahrungen, die auf eine besondere Weise verstanden, konzeptualisiert und auf ihre Gründe hin befragt werden. Diesen Prozess in seiner Gänze und auf seine Gründe hin zu durchschauen, das wird in seiner letzten Instanz Wissen oder Wissenschaft genannt. Das heißt aber, dass auch die Naturwissenschaften Wissensformationen sind, die nicht ohne Voraussetzungen bestehen. Auch die methodischen Konzepte der Naturwissenschaften haben einen historischen Ursprung und unterliegen einem Wandel. Dies muss kritisch reflektiert werden, denn Wissenschaften spiegeln auch den Umgang mit Welt wider. Sie entwerfen und reflektieren Weltbilder. Deswegen bin ich ? gerade als Philosoph ? immer unglücklich über diese Teilung gewesen.

Wenn ich das richtig verstehe, gehen Sie davon aus, dass auch das Fundament der Naturwissenschaften vor diesem Dualismus gelegt wurde?

/ Wenn ich erklären darf, was ich unter Wissen verstehe, so wird dies deutlicher. Wenn wir die Genese des Wissens betrachten, also die Art und Weise, wie Wissen erzeugt wird, dann kommen wir zu dem Schluss, dass wir eine grundlegende sturkturelle Gemeinsamkeit in allen Wissenschaften feststellen können. Zumeist gewinnen wir einen Zugang zu einem Thema, indem wir Erfahrungen machen. Wir verarbeiten diese Erfahrungsdaten und fangen an, sie auf ihre Gründe hin zu befragen, vor allem dann, wenn bestimmte Erfahrungen wiederkehren. Dann fragen wir nach den Gründen für das Wiederkehren dieser Erfahrung. An diesem Punkt bewegen wir uns noch auf einer stark anwendungsorientierten Ebene.

Die Ebene der Episteme, d.h. des Wissens im strengen Sinne, hingegen setzt voraus, dass wir von dieser Anwendungsebene abstrahieren und die Gesetzmäßigkeiten als Gesetzmäßigkeiten untersuchen. Wir wollen die Gründe für diese Gesetzmäßigkeit kennen. Denn nur derjenige, der die Gründe weiß, hat ein Wissen von einem größeren Zusammenhang. Dieses Wissen bildet dann die gemeinsame Basis, die gleichermaßen Ausgangspunkt und Voraussetzung für die Erschließung weiterer wissenschaftlicher Zusammenhänge ist.  Wie aber gelangen wir zu diesen Gründen? Ich folge da dem Ahnherren der Epistemologie: Aristoteles, der auch ? so darf man sagen ? zum Ahnherren der Wissenschaftstheorie an den Universitäten wurde, als diese gegründet wurden. Für Aristoteles geschieht alles Lehren und Lernen aus einer vorausgehenden Erkenntnis. Da heißt, dass Wissen Voraussetzungen hat. Der Charakter des Wissens scheint eine gleiche Formalstruktur zu haben. Es gibt in einer guten wissenschaftlichen Argumentation stets einen Ausgangspunkt und einen Zielpunkt. Das, was zwischen diesen Punkten geschieht, sollte von jedem verstanden und nachvollzogen werden können ohne Rückgriff auf die Autorität und die spezifischen Erfahrungen des jeweiligen Autors. Was die Wissenschaft als Ganzes zusammenhält ? gleich um welche Wissenschaft es sich handelt ? ist ein Wissen, das nach Gründen sucht und ein Wissen aus Gründen ist. Dafür interessieren wir uns und zugleich für die Kontexte, die an dieser Entstehung beteiligt waren. Denn diese Kontexte gehen in das Wissen mit ein.

Welche Kontexte meinen Sie?

/ Zum Beispiel jene fünf Kontexte, auf die wir uns in unserem Akronym A.R.T.E.S. beziehen und für die wir uns besonders interessieren. A steht für Anthropologie. Anthropologie kann ? so hat es etwa Kant gesehen ? als Kulminationspunkt unserer Fragen gelten, insbesondere solcher Fragen, in denen der Träger von Wissen ? der Mensch ? auf sich selbst reflektiert. Ich denke, dass das Selbstbild, das der Mensch auch in der Wissenschaft von sich entwirft, deutlich macht, in welcher Weise Wissenschaft auch orientierend auf das eigene Selbstbild wirkt und auf die eigene Selbstanschauung bezogen wird. In diesem Sinne gehen Natur und Geisteswissenschaften zusammen. R bedeutet Rezeption. Wenn wir anfangen, über Wissen zu reden und eine Idee davon bekommen, was Wissen ist, fangen wir nicht beim Punkt null an, sondern immer schon in einem bestimmten Überlieferungszusammenhang. Das ist einer der wichtigsten Schlüssel, um den Wissensbegriff in seiner Struktur zu verstehen, denn auch Lern- und Lehrprozesse sind Rezeptionsprozesse. T wie Transkulturation meint eine Zuspitzung der Rezeptionsproblematik in Hinblick darauf, wie Wissen in eine Kultur eingeht. Transkulturation ist ein neuerer Begriff, der in Rechnung stellt, dass hierbei auch Kulturgrenzen überschritten werden, auch über den traditionellen abendländischen Kontext hinaus. E steht für Episteme. Darunter verstehen wir den Gegenstand des Wissens selber, sowie die Frage, wie Wissen zustande kommt und wovon dieses abhängig ist. S meint Sprache. Sie ist das bevorzugte Medium, in dem wir uns erkennend zur Welt verhalten, in dem wir unsere Vorstellung von der Welt haben. Sprache ist zudem das Medium, in dem wir kommunizieren. Die meisten Wissenssysteme sind Sprachsystem und keine quantifizierbaren Symbolsysteme. Und selbst mit bezug auf diese spricht man oft von Sprache. Dies sind die fünf Stichworte, unter denen wir in der Forschungsschule das Wissen und die daran gekoppelten Kontexte gemeinsam in den nächsten Jahren bedenken wollen. Wissenschaft sucht aber nicht nur nach Gründen, sondern hat gerade im 20. Jahrhundert oft auch konkretes Handeln zur Folge gehabt. Handeln, das, selbst wenn es das Gute wollte, durchaus Schlechtes bewirkt hat.

Könnte man auch zu dem Schluss kommen, es sei nicht klug nach Neuem zu suchen, da wir die Folgen unseres Tuns schlicht nicht abschätzen können?

/ Dagegen spricht die Pragmatik. Ich wähle nochmals einen Satz des Aristoteles, der über jeder Universität stehen könnte: ?Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.? Das ist einer der klassischen Kernsätze mit Blick auf die menschliche Natur. Im Rückblick auf die Geschichte, so weit wir sie rekonstruieren können, würde ich die gestellte Frage rein positivistisch beantworten. Die Art und Weise wie wir uns verhalten spricht gegen die Annahme, es sei klug, nicht nach Neuem zu suchen. Moratorien des Wissens haben zu keinem Zeitpunkt je Erfolg gehabt ? nicht einmal im Paradies. Nehmen wir beispielsweise die Genforschung. In dem Moment, als noch darüber diskutiert wurde, ob man ein bestimmtes Experiment unternehmen soll oder nicht ? etwa cloning menschlicher Embryos oder die Erzeugung von Chimären ? haben dies, ungeachtet der überwiegenden Mehrheit von Forschern, die sich dagegen ausgesprochen hatten, irgendwo in einem kleinen Labor andere Forscher bereits ausprobiert. Von außen auferlegte Moratorien aus welchen Gründen auch immer, religiös, weltanschaulich oder wissenschaftsintern motiviert, greifen offensichtlich nicht. Wir müssen mit der Tatsache leben, dass die unbändige, grenzenlose Neugierde Teil der menschlichen Spezies ist. Aber wir sind auch für dieses Wissen verantwortlich. Damit stehen wir natürlich auch vor der Herausforderung, dass wir uns nicht aussuchen können, wann sich uns eine neue Frage stellt. Wir werden damit konfrontiert in genau dem Moment, wo wir auf etwas Neues stoßen. Und wir können dann nicht sagen: ?Oh, das ist mir jetzt aber unbequem oder ich hatte gerade eine so schöne Lösung gefunden und war mit mir im Reinen und könnte vielleicht in den Urlaub gehen.? Nein: Wissen ist ein Prozess mit einer starken Dynamik. Dies kann jeder Wissenschaftler bestätigten, der auf seinen eigenen Weg zurückblickt.

Das heißt es gibt keine Grenzen des Wissens?

/ Es gibt keine Grenzen für unsere Neugierde. Wir stoßen natürlich an Grenzen des Wissens: zunächst einmal dort, wo wir nicht weiter kommen. Dort merken wir, dass uns offensichtlich gewisse Möglichkeiten fehlen. Wir sind z. B. gebunden an eine bestimmte Funktionsweise unserer Vernunft, etwa an die Gesetzmäßigkeit, die im Satz des Widerspruches zusammengefasst ist: dass es unmöglich ist, dass dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme. Aristoteles nennt dies das Grundprinzip alles vernünftigen Sprechens. Sodann aber hat unsere Vorstellung auch Grenzen. Nehmen wir beispielsweise den Bereich des Unendlichen. Das Unendliche uns wirklich vorzustellen wird schwierig; wir können dies allenfalls unter Zuhilfenahme der Denkinstrumente, die unsere Vorstellung zugleich beschränken. Wir merken daran, dass unsere Vernunft und unsere Vorstellung erfahrungsgebunden bleiben, zumindest dann, wenn wir vernünftig darüber reden wollen. Unsere Neugierde aber versucht natürlich, über diese Grenzen hinaus zu gelangen oder zumindest kontrovers darüber zu diskutieren.

Sie sind Professor ? ich bin Journalist. Sie sind 51 Jahre alt ? ich bin 33. Wissen Sie mehr als ich?

/ Wir wissen zunächst das, was wir in irgendeiner Weise erfahren oder gelernt haben. Ich bin in diesem Punkt bekennender Aristoteliker. Ich gehe also weniger von eingeborenen Ideen aus, sondern von einem Wissen, das wir durch Erfahrung erwerben. Deshalb kann man sagen, jeder, der älter ist, hat zumindest schon einmal die Möglichkeit, mehr zu wissen. Wissenserwerb hat einen Zeitkoeffizienten, ist abhängig von der Zeit und der Erfahrung. Man lernt Dinge nacheinander, auch wenn wir uns manchmal ein Abkürzung wünschten. Dass wir uns etwas simultan aneignen, geschieht leider nur in seltenen Fällen. Und es gilt: Ich weiß anderes als Sie. Das hängt zunächst einmal damit zusammen, dass wir ein anderes Leben gelebt haben und leben. Dann gibt es Bereiche, in denen Sie mehr wissen als ich, und in denen ich vielleicht sogar gar nichts weiß. Und es gibt Bereiche, in denen ich mehr weiß als Sie. Das hängt aber von den Bereichen ab, mit denen wir uns beschäftigen, und vor allem auch von der Intensität, mit der wir das tun.

Macht Wissen glücklich?

/ Aristoteles hätte diese Frage uneingeschränkt bejaht. Er sieht Wissen und Glück positiv korreliert. Das Glück, das uns mehr erfüllt, geht einher mit einem Mehr an Wissen, weil dies unserer Natur entspricht. Wenn es so ist, dass Wissen unserer eigentlichen Natur entspricht, macht uns Wissen glücklich ? zumal es weniger flüchtig zu sein scheint als andere Güter. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Wenn man ein guter Sportler ist, ist man das nur für eine gewisse Zeit, weil unsere körperlichen Kräfte unweigerlich abnehmen. Auch dies kann eine Form von Glück sein, aber eben nur auf Zeit. Auch ein Genuss vergeht. Das schöne Essen, der gute Wein sind solche Formen genußvollen Glücks, aber ich kann ja nicht pausenlos essen und trinken. Irgendwann ist auch das vorbei. Demgegenüber ist Wissen etwas Stabileres, weil es diesen Modi der Vergänglichkeit in einem höheren Maße entzogen ist. Ich kann mich am Wissen konstanter erfreuen. Das erklärt vielleicht auch, dass es diese Spezies von Wissenschaftlern überhaupt gibt. Wissenschaftler sind diejenigen, die Freude am Wissenserwerb haben, und hierzu keine extrinsische Motivation brauchen. Es sind Menschen, die sich in einer Sache verlieren können. Ein Student, der Feuer gefangen hat für ein Thema, der alle Pragmatik außer Acht lässt und ein paar Wochen in diesem Thema ertrinkt und dann fünfzig Seiten seinem Professor gibt ? das kann eine Art von Glück sein, die eigentlich jeder einmal erfahren haben sollte, der studiert hat.

Wenn Sie ein Bild ? eine Metapher für Ihr eigenes Wissen und Ihr Verhältnis dazu finden müssten, wie sähe dieses Bild aus?

/ Ich habe einmal in einer Lehrveranstaltung folgendes Bild gebraucht: Mich haben immer die Wettbewerbe mit Millionen von Dominosteinen fasziniert, die in großen Turnhallen aufgebaut werden, um sie von einem oder mehreren Punkten aus vollständig zum Umfallen bringen zu können. Wissen stelle ich mir bildlich ähnlich vor, aber noch gesteigert: nämlich dass es in einer solchen Turnhalle von einer unüberschaubaren Größe verschiedene Türen gibt, durch die man gehen kann. Ich kenne weder die Anzahl der Türen, noch kenne ich die Anzahl der Dominosteine. Ich kenne erst recht den Plan nicht. Ich gehe durch eine dieser Türen, blicke von außen auf das Domino-Feld und stoße den ein oder anderen Stein an und merke erst dann, was geschieht. Ich muss es mehrmals, ja immer wieder probieren, ich laufe um die Halle herum, vieles kann ich nicht verstehen, es macht für mich gar keinen Sinn und es funktioniert nicht. Mein Wissen ist der Versuch, eine oder mehrere Türen zu öffnen und einen Blick auf das Feld der Steine zu werfen, und das in der Erwartung, die Ordnung dieser Steine so weit wie möglich zu entschlüsseln: ein unüberschaubares Domino-Puzzle, dessen Anfangsstein wir suchen. Einen solchen Anfangsstein, der wie ein Schlussstein in einem Deckengewölbe das Ganze zusammenhält, scheinen wir vorauszusetzen. Er garantiert die Konvergenz unserer unterschiedlichen Erkenntnisbemühungen. Oder um im Bild zu bleiben: dass die Steine, die wir von den verschiedenen Türen aus anstoßen, wirklich zu einem Puzzle gehören. Auch wenn wir diesen Schlussstein wahrscheinlich nicht finden werden, so sind wir gleichwohl von der Neugierde getrieben, es immer wieder zu versuchen. Das ist Wissenschaft! Ich jedenfalls freue mich, so vieles wie möglich ausprobieren zu können.

Vielen Dank für das Gespräch, Professor

Das Interview führte Christoph Wanko