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»So effektiv wie eine Google- Suche, mit der Qualität eines medizinischen Nachschlagewerks«

KölnAlumnus Dr. Nawid Salimi

Dr. Nawid Salimi wollte in seiner Jugend eigentlich Musik und Philosophie studieren, doch am Ende wurde er Arzt. Heute ist der Alumnus der Medizinischen Fakultät einer von drei Geschäftsführern des von ihm mit begründeten Unternehmens AMBOSS. Ihr Ziel: medizinisches Fachwissen digital vermitteln und damit vielen Patient:innen helfen.

Das Gespräch führte Eva Schissler


Herr Dr. Salimi, was war Ihre Motivation, Medizin zu studieren?

Ich fand es faszinierend, den Menschen nicht nur aus philosophischer, sondern auch aus naturwissenschaftlicher Sicht zu verstehen: Wie sind wir aufgebaut, wie funktionieren Nervensystem und Gehirn? Warum haben wir bestimmte Wahrnehmungen und Emotionen? Außerdem komme ich aus einer Medizinerfamilie – mein Vater ist Arzt und meine Mutter Krankenschwester. Da war diese »konservative Option« naheliegend. Ich bin damit auch sehr glücklich. Ein Leben als professioneller Musiker – ich habe in meiner Jugend Harfe gespielt und mich für das Dirigieren interessiert – war mir am Ende zu riskant. Zu oft bekam ich von Musikern in meiner Umgebung mit, dass es auch ein sehr frustrierender Weg sein kann. Wenn man seine Leidenschaft zum Beruf macht, bringt diese Leidenschaft nicht mehr nur Freude.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Studienzeit?

Während des Studiums fand ich interaktive Formate immer spannend: zum Beispiel, wenn wir durchs Krankenhaus gegangen sind und am Patientenbett gelernt haben. Wir merken ja gerade in der Coronapandemie, dass man vieles aus der frontalen Lehre besser digital abbilden kann. Präsenzveranstaltungen sollten für erlebtes Lernen genutzt werden, bei dem man mit Patienten ins Gespräch kommt. Oder auch zum Austausch mit den Dozierenden, die ja wahnsinnig viel Erfahrung haben.

Zum Ende des Studiums kam dann das sogenannte »Hammerexamen«, das 2. Staatsexamen in der Medizin. Hat Sie das zur Gründung Ihrer Firma AMBOSS inspiriert, in der Sie seit 2012 zunächst ein digitales Wissenskompendium für Studierende zur Examensvorbereitung aufgebaut haben?

Nicht direkt. Ich habe das Examen zwei Jahre vor meinen Mitgründern, meinem Bruder Madjid und zwei seiner Kommilitonen, gemacht. Danach habe ich erst mal in der Inneren Medizin im Krankenhaus gearbeitet. Dort habe ich immer gerne die »PJ-ler« – angehende Ärztinnen und Ärzte im Praktischen Jahr – mitbetreut. Sie haben mir im Gegenzug viel Arbeit abgenommen. Das war eine sehr schöne Erfahrung für beide Seiten.

Nach diesen zwei Jahren war es für mich die logische Konsequenz, bei AMBOSS mit einzusteigen, denn so konnte ich noch mehr Wissen weitergeben – nicht nur mein eigenes, sondern auch das von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen. Die Idee dazu hatte eigentlich mein Bruder, der schon mal ein eigenes digitales Unternehmen aufgebaut hatte und somit den IT-Background und den Gründergeist mitbrachte.

Was ist der Mehrwert eines digitalen Nachschlagewerks gegenüber einem Lehrbuch?

So, wie medizinische Lehr- und Lernmaterialien zu der Zeit gestaltet waren, gab es viele Möglichkeiten, es besser zu machen. Wenn etwas überhaupt digital verfügbar war, dann zumeist nur in der Form eines digitalisierten Buches. Es war aber nicht konzeptionell neu gedacht. Wenn man sich davon frei macht, wie ein Buch Wissen aufbaut, sondern sich gleich digital inspirieren lässt, kommt man zu einer ganz anderen Struktur. Das ist nach wie vor das Geheimnis unseres Erfolgs im Vergleich zu Verlagen. Sie kommen sehr stark aus der Buchlogik. Ich will nicht sagen, dass Bücher nicht toll und wertvoll sind, aber in der Medizin kann man Lernen mit digitalen Mitteln sehr viel besser und effizienter gestalten. Wir geben uns Mühe, das innovativste Konzept am Markt zu haben.

Was genau heißt es, in Ihrem Bereich innovativ zu sein?

Die Verschlagwortung und der Suchpfad müssen so aufgebaut sein, dass man möglichst präzise das findet, wonach man sucht. Wir investieren sehr viel in unsere Suchmaschine und in die Strukturierung des Wissens. Mittlerweile haben wir ja auch ein Produkt für praktizierende Mediziner auf dem Markt. Unser Ziel ist es, Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen und Erfahrungsstufen klinisches Wissen in einer sehr effizienten Form zur Verfügung zu stellen, damit sie im Alltag die besten Entscheidungen treffen können. Es gibt dieses ganze Wissen, aber man hat nicht die Zeit, um für jeden Patienten viel Recherche zu betreiben. Und man kann auch nicht immer jede neue Erkenntnis mitkriegen. Dann fragt man am liebsten einen erfahrenen Kollegen. Aber der ist nicht immer erreichbar. In komplexen Werken nachzuschlagen dauert zu lang. Dann googelt man häufig, aber das liefert wiederum nicht die Qualität, die man sich wünscht. Hier bieten wir eine Schnittstelle. Wir wollen ähnlich effektiv sein wie eine Google-Suche, qualitativ aber so gut wie eine Leitlinie oder ein Nachschlagewerk.

Wer stellt dieses Wissen zusammen? Wir haben mittlerweile rund 100 Mediziner und Medizinerinnen in der Redaktion. Das sind alles approbierte Ärzte, die teilweise direkt aus dem Studium zu uns kommen, zunehmend aber auch Fachärztinnen und -ärzte mit klinischer Erfahrung. Manche arbeiten auch nicht ausschließlich bei uns. Wenn jemand in einem hochspezialisierten Bereich tätig ist, ist das natürlich ein sehr gewinnbringendes Konzept für beide Seiten.

Sie expandieren gerade auch auf den nordamerikanischen Markt. Warum gerade dorthin?

Wir hatten eigentlich nie den Plan zu expandieren. Aber irgendwann dachten wir: Entweder wir machen das jetzt selber oder wir ärgern uns in zehn Jahren, dass jemand unsere Ideen in ein englischsprachiges Produkt packt. Der nordamerikanische Markt ist gut geeignet, weil das Studium dort von der Prüfungssystematik sehr ähnlich ist wie in Deutschland. Und wenn man etwas am US-amerikanischen Markt ausrichtet, hat man die beste Chance, es auch international vermarkten zu können. Das Studentenprodukt kommt international schon sehr gut an. Beispielsweise in Portugal sind wir sehr erfolgreich, denn hier orientieren sich die Examina sehr stark an dem USSystem. Es gibt also einige Märkte, wo wir die Bedürfnisse gut bedienen können.

Wie haben Sie die frühe Gründungsphase erlebt, in der noch nicht klar war, ob das alles zu einem Erfolg werden würde?

Ich erinnere mich sehr gerne an diese Zeit zurück: diese Ungewissheit und das Abenteuer, die investierte Liebe, Leidenschaft und Zeit. Ich habe nie wieder so viel gearbeitet wie im ersten Gründungsjahr. Es gab natürlich Unsicherheiten, aber die haben mich nicht schlecht schlafen lassen. Aufgrund des Ärztemangels hatte ich ja immer noch die Option, in die praktizierende Medizin zurückzukehren. Wie bekommt man mehr Mediziner dazu, eine Unternehmensgründung in Betracht zu ziehen?

Indem man mehr grundlegendes wirtschaftliches Wissen in verschiedenen Bereichen vermittelt. Man ist diesbezüglich sehr naiv, wenn man von der Uni kommt. Das macht Mediziner ja auch erst mal sympathisch, wenn sie nicht so sehr ans Materielle denken. Aber ein bisschen Wirtschaftsbewusstsein ist nicht ganz verkehrt, um sich einen anderen Weg auch zuzutrauen. Ich hätte ohne meinen Bruder nicht den Mut gehabt, so etwas anzupacken.

Haben Sie damals staatliche Förderung oder andere Unterstützung erhalten?

Wir haben uns um ein EXIST-Stipendium beworben, ein bundesweites Programm, um Gründungen aus der Wissenschaft zu fördern. Wir haben es nicht bekommen, obwohl wir sehr viel Zeit in die Bewerbung gesteckt haben. Das hat uns aber nicht von unserer Idee abgebracht. Vielleicht hat uns das Ausfüllen der langen Anträge im Endeffekt sogar geholfen, weil wir uns dadurch sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Trotzdem war es ein großer Kraftakt. Überhaupt haben wir in unseren ersten Gesprächen mit Anwälten und Steuerberatern nur lauter Probleme dargestellt bekommen. Man braucht sehr viel eigene Begeisterung, um da zu sagen: Egal, das werden wir schon irgendwie hinkriegen.

Wie können Gründungen in der Anfangsphase besser unterstützt werden?

Es sollte ein spielerisches Setting geben, in dem potentielle Gründer und Gründerinnen sich der Chancen ihrer Unternehmensidee bewusst werden. Darauf kann man später aufbauen und die Idee sauber entwickeln. Das würde den Einstieg leichter machen. Bei uns wurde damals stark angezweifelt, ob wir so frisch nach dem Studium und ohne viel Berufserfahrung überhaupt das notwendige Fachwissen abbilden können. Das würde man ja eher von Medizinerinnen aus der Forschung oder erfahrenen Ärzten erwarten. Ich habe diese Zweifel verstanden, aber als junger Mediziner kann man dafür noch besser die Bedürfnisse und Herausforderungen der Studierenden sowie Ärztinnen und Ärzte in den frühen Berufsjahren einschätzen. Man hat sie ja selbst erst kürzlich erfahren. Für unsere Produktumsetzung war das sehr wichtig. Man kann oft mehr, als man glaubt. Und auch wer noch studiert oder frisch von der Uni kommt, ist in der Lage, gute Ideen zu entwickeln.  

 

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