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Foto: Patric Fouad

Denken ist cool! Judith Butler zu Gast in Köln

Die Albertus-Magnus-Professur wurde in diesem Jahr der Genderforscherin Judith Butler, Professorin an der University of California (Berkeley), verliehen. Bereits im Vorfeld der mit Frau Butler geplanten Veranstaltungsreihe an der Uni Köln war der immense Einfluss der Wissenschaftlerin auf den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs spürbar: das mediale Interesse war riesig und die Anmeldezahlen ließen vermuten, es stünde der Besuch eines Rockstars an.

Ein Rückblick von Nina Maria Kohl und Kilian Thoben.


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Der Rektoratsbeauftragte und Leiter des Thomas-Instituts der Universität zu Köln, Professor Andreas Speer, eröffnet die Veranstaltung mit der Albertus-Magnus-Professorin 2016 Judith Butler. Foto: Patric Fouad

Initiiert durch den Rektoratsbeauftragten und Leiter des Thomas-Instituts der Universität zu Köln, Professor Andreas Speer, und gemeinsam ermöglicht durch die Universität zu Köln, die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften sowie den Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds wird die Albertus-Magnus-Professur der Universität zu Köln seit 2005 im Andenken an den mittelalterlichen Universalgelehrten Albertus Magnus (1193 bis 1280) alljährlich an herausragende Persönlichkeiten von internationaler Geltung verliehen.

Die PreisträgerInnen sind dabei eingeladen, im Rahmen mehrerer Vorlesungen und Seminare aktuelle Fragen von gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Bedeutung aufzugreifen, um so fachinterne wie öffentliche Diskurse anzustoßen und zu bereichern. Dadurch knüpft die Albertus-Magnus-Professur ganz bewusst an eine alte Tradition der mittelalterlichen Universität an: öffentliche Vorlesungen renommierter Professoren abzuhalten, die eine akademische Auszeit vom universitären Alltag markierten, im Zuge derer der Lehrbetrieb nur eingeschränkt stattfand oder gar völlig ruhte und in denen zumeist Fragen von allgemeiner Bedeutung und besonderem gesellschaftlichen Interesse diskutiert wurden.


Größter Hype nach Noam Chomsky

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  • Das mediale Interesse an der neuen Albertus-Magnus-Professorin Judith Butler war riesig und die Anmeldezahlen ließen vermuten, es stünde der Besuch eines Rockstars bevor. In der Aula der Universität gab es keine freien Plätze mehr. Übertragungen in andere Hörsäle wurden eingerichtet. Foto: Patric Fouad
  • Studierende im Gespräch mit der Albertus-Magnus-Professorin Judith Butler. Foto: Patric Fouad

Mit der Verleihung der Albertus-Magnus-Professur an Judith Butler, Maxine Elliot Professorin im Department of Comparative Literature und des Program of Critical Theory der University of California (Berkeley) gelang es Professor Speer, eine der weltweit einflussreichsten TheoretikerInnen im Bereich der Feminismus- und Genderforschung an die Uni Köln zu holen. Über das Aufsehen, das die Albertus-Magnus-Professur schon im Vorfeld der Verleihung erregte, freute sich Professor Speer sehr, wenngleich er Ähnliches schon einmal mit einem Albertus-Magnus-Professor erlebt hatte:

Professor Andreas Speer

Bisher ist die Reaktion auf Butlers Kommen tatsächlich der größte Hype nach Noam Chomsky als Albertus- Magnus-Professor. Ich finde es großartig, dass nicht nur Fußballspieler oder Rockstars Leute attrahieren, sondern auch Wissenschaftler. Das war es doch, was schon die antiken Philosophen vermitteln wollten: Denken ist cool!

Professor Andreas Speer, Rektoratsbeauftragter für die Albertus-Magnus-Professur und Leiter des Thomas-Instituts, Universität zu Köln

Ikone der Genderforschung

Die häufig als Ikone der Genderforschung bezeichnete Judith Butler bietet für viele Menschen Bezugspunkte. Daher waren in die diesjährigen Veranstaltungen rund um die Albertus-Magnus-Professur nicht nur die a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, sondern auch das interfakultäre Zentrum für Gender Studies in Köln (GeStiK) involviert.

Die Direktorin von GeStiK, Professorin Susanne Völker, erklärt, warum der Besuch von Judith Butler für die Forschung an der Uni Köln von so herausragender Bedeutung war: "In den Gender und Queer Studies gibt es sicherlich gegenwärtig keine Person, auf die so häufig in inter- und transdisziplinären Zusammenhängen verwiesen wurde, deren Schriften so zahlreich zitiert werden und deren intellektuelle Ausstrahlung und radikale Analysen Forschende, Studierende und Lehrende so inspiriert, irritiert und mitunter provoziert haben, gegen eine Politik, die Differenzen gegeneinander ausspielt, vermeintlich Eigenes gegen Fremdes in Stellung bringt. Unermüdlich engagiert sie sich für ein egalitäres und demokratisches ‚Teilen von Welt’ (wie Luce Irigaray sagt), das Differenzen ermöglicht, nicht essentialisiert."

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Die Albertus-Magnus-Professorin Judith Butler während ihres Vortrages. Foto: Patric Fouad

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Judith Butler wird häufig als Ikone der Genderforschung bezeichnet. Foto: Patric Fouad

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Professorin Völker, Direktorin von GeStiK, begrüßt die Albertus-Magnus-Professorin Judith Butler und die Gäste in der Aula. Foto: Patric Fouad

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Dr. Dirk Schulz, Geschäftsführer von GeStiK, richtet das Wort an die Albertus-Magnus-Professorin Judith Butler und die Gäste. Foto: Patric Fouad

Das Interesse unter den LiteraturwissenschaftlerInnen, Judith Butler einmal persönlich zu erleben, war ebenfalls groß. Und so war es wenig überraschend, dass sich zu Butlers Vorträgen Studierende, Lehrende und Forschende der verschiedensten Disziplinen zu einer interessierten Hörerschaft vereinten; fasziniert wie zwiegespalten von dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit. Der Zuspruch war derart groß, dass schon vom akademischen Ausnahmezustand gesprochen werden konnte, der als solcher wiederum ganz in der Tradition der akademischen Diskussionskultur der mittelalterlichen Universität stand.

Den Geschäftsführer von GeStiK, Dr. Dirk Schulz, wundert das Aufsehen, das die neue Albertus-Magnus-Professorin erregte, in keinster Weise: "Ihre Texte haben weltweit so viele Personen innerhalb und jenseits der Akademie in ihren Denkweisen, Ansichten und Situierungen inspiriert und motiviert, zutiefst und nachhaltig berührt und dadurch interdisziplinäre und auch institutionsübergreifende Dialoge möglich gemacht. Immer wieder öffnet Butler den Blick für marginalisierte Perspektiven, wendet sich gegen vermeintlich 'objektive Wahrheiten' und 'natürliche Gegebenheiten'. Gerade weil wir bei GeStiK einen Schwerpunkt auf 'queer' legen, ist Butlers rigorose Denaturalisierung dichotomer und heteronormativer Denkmuster für unsere Einrichtung ein wichtiger Ausgangs- und Referenzpunkt."

Judith Butler - ein Rockstar der Wissenschaft?

Die Frage bleibt: Ist Judith Butler ein Rockstar unter den WissenschaftlerInnen mit den im Allgemeinen solchen Personen zugeschriebenen Allüren? Professor Speer winkt ab:

Professor Andreas Speer

Ich habe aus der Kommunikation mit Butler den Eindruck einer eher zurückhaltenden Persönlichkeit gewonnen, die eher erstaunt ist über die Funktion, die sie einnimmt. Wenn man wie sie in der Öffentlichkeit steht, hat man eine enorme Verantwortung. Mit dieser geht sie sehr überzeugend um. Dadurch wird sie zu einer großartigen Identifikationsfigur.

Professor Andreas Speer, Rektoratsbeauftragter für die Albertus-Magnus-Professur und Leiter des Thomas-Instituts, Universität zu Köln

Der Kandidat für die Albertus-Magnus-Professur 2017 steht noch nicht fest, aber die Spannung steigt, wer es im nächsten Jahr sein wird. Sicher ist, dass die Auszeichnung mittlerweile weltweit eine enorm hohe Anerkennung genießt und eine besondere Zugkraft für Köln entwickelt hat: „Zum Glück genießt die Albertus-Magnus-Professur inzwischen offenbar ein so hohes Ansehen, dass man als Gastgeber gar keine große Überzeugungsarbeit mehr leisten muss. Unsere Gastprofessur reiht sich ein in die Liste derjenigen Einladungen, die man im Laufe einer akademischen Karriere besonders gerne annimmt. Das freut mich sehr", schließt Professor Speer.